Autor Thema: Außenseiterschweinchen  (Gelesen 4806 mal)

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Tiefseetaucher

  • Dino
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Außenseiterschweinchen
« am: 05. Juni 2015, 13:35 Uhr »
Ihr Lieben,

angeregt durch 2 Forumsschweinchen hier mal das Thema zu "Außenseitertieren" in der Gruppe und unsere Überlegungen und Erfahrungen dazu.   :-)

Ich selbst hatte ein solches Schweinchen, unsere Mieze, die vom Charakter her sehr lieb, ruhig, von sich aus gegenüber allen immer entspannt war, jedoch nie richtig in die Gruppe reinkam. Sie war Opfer, wenn die anderen Mädels brünstig waren, hat auch bei schlechter Tagesstimmung mal einen Knuff abbekommen, war einfach immer etwas der Buhmann. Woran das lag konnte ich nie ausmachen, da von ihr selbst absolut kein provozierendes Verhalten ausging.

Ist es vielleicht einfach normal, dass es immer jemanden gibt, in allen Gesellschaften, der nunmal da ist, um eins auf den Deckel zu bekommen? Kennt man ja auch unter uns Zweibeinern. Es gibt immer welche, die es abbekommen, auch grundlos. Vielleicht ist das bei den Ferkeln auch so?

Wie sehen eure Erfahrungen dazu aus? Habt ihr Überlegungen, warum das so sein könnte?
"Eine Krise kann jeder Idiot haben. Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag."

[Anton Pawlovic Cechov]

Saubergschweinchen

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Antwort: Außenseiterschweinchen
« Antwort 1 am: 05. Juni 2015, 14:43 Uhr »
Von "Mobbingopfern" liest man in der Tat häufig. Ich denke das Thema ist sehr viel komplexer denn den wahren Grund dafür das ein Tier immer außen vor ist können nur die wenigsten herausfinden.

Das Sozialverhalten von Meerschweinchen ist ja vergleichsweise sehr gut erforscht und dennoch sind solche Fälle immer individuell zu berachten.

Meine Gedanken dazu:

1. Die Vorgeschichte

In der Heimtierhaltung und ganz besonders beim Meerschweinchen gibt es seltens natürlich wachsende Gruppen. Die meisten Liebhaberhalter erwerben neue Tiere nach Optik und Notstationen zum Beispiel nehmen natürlich was da kommt. Unklar ist in den meisten Fällen die Qualität der Prägungsphase. Wie ist das Tier aufgewachsen und sozialisiert?
Ein Tier aus lebenslanger Einzelhaft wird sich wahrscheinlich nie völlig integrieren, auch Tiere die ihr Leben lang nur einen einzigen Partner hatten verhalten sich in Gruppen auffällig, das belegen auch Sachsers Studien.

Besonders in Notstationen kann es kritisch werden wenn Gruppen nur aus schlecht sozialisierten Tieren zusammengesetzt sind. Auch ein einziger Partner reicht mitunter nicht aus um Meerschweinchen zu resozialisieren, bestenfalls hat man dafür eine gut eingespielte und verträgliche Gruppe.

2. Sympathie
Auch bei Meerschweinchen spielt sie eine wichtige Rolle, genau wie es echte Freundschaften gibt so gibt es auch Tiere die sich lieber aus dem Weg gehen. Was in der Liebhaberhaltung nicht immer möglich ist.

3. Gruppengröße
Nicht nur das die Türe von uns Menschen relativ willkürlich vergesellschaftet werden, sie leben dann auch in meist kleinen Gruppen oder auch nur als Paar auf verhältnismäßig wenig Platz. Hier ist nicht viel Speilraum für Asympathien, vertragen sich zwei von 5 Tieren nicht ist die Gruppe immer unruhig. Es gibt beim Meerschweinchen auch verschiedene Typen was die Gruppengröße angeht, manche Nottiere sind mit zu vielen Tieren überfordert. Andere brauchen genau das um zu lernen wie man Meerschweinchen ist. Die ideale Gruppengröße ist sicher für jedes Tier verschieden.
Es kann sowohl Sinn machen das gemobbte Tier herauszunehmen als auch neue Tiere hinzuzuvergesellschaften damit es vlt. eine Freundin findet.

Die Wahrscheinlichlichkeit das in einer großen bis sehr großen Gruppe jeder Topf seinen Deckel findet ist sehr viel wahrscheinlicher als in einer kleinen Zwangsgemeinschaft. Womit ich nicht sagen will das die nicht auch harmonisch sein können ;).

Natürlich spielen bei sowas auch immer Faktoren wie Alter, Geschlecht und vor allem Gesundheitszustand eine wichtige Rolle. Aber pauschale Aussagen kann man dazu auch nicht machen, das muss man immer in der Situation sehen.
Vlt. können wir die Fälle ja mal spaßenshalber versuchen genauer zu beleuchten und interpretieren. Ich stell meine Randferkel auch mal vor.
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Seleeni (Elfe) *23.05.12
Lebte ein Jahr in einer größeren Haremsgruppe bei ihrer Züchterin und kam dann als Liebhaber zu mir. Menschen gegenüber ist sie ein Panikschwein, hier wurde sie in der VG heftig von einem meiner älteren Weibchen ins Gesicht gebissen auch wenn man nach außen nach dem Vorfall keine Spannungen mehr spüren konnte blühte sie erst nach dem Tod dieses Weibchens etwas auf. Im Herbst 2013 kam dann der Umzug in den neuen Stall und seither hockte sie hauptsächlich in einer Schutzhütte, kam zum Fressen und wenn sie brünstig war raus. Petite Fleur an ihrer Seite aber auch immer im Hintergrund. Sie wurde durch ihre Blockade auch sehr dick...ich hab viele schlaflose Nächte gehabt, viel versucht doch nichts half und auch medizinisch wurde nichts gefunden. Die Gruppe war völlig harmonisch sie stritt nicht und ging immer beiseite machte aber auch einen traurigen, gefangenen Eindruck.
Im März starb Liviu und der Wind drehte abrupt, sie startete mit Verta eine Tyrrannenherschaft im Bodengehege, regierte aber von ihrer Kiste aus in die nur Petite noch reindurfte.
Petite ist nun tot und sie ist seitdem nicht mehr in der Kiste, sie liegt mal hier und mal da aber nicht mehr dort wo ihre Freundin starb.
Ich bin gespannt wie sie sich entwickelt, sie ist eine sehr dominate die aber auch genauso schnell völlig überfordert mit ihrer Macht ist.

Caligula *04/13
Das Schwein aus der verlassenen Wohnung, Zooladentier nach zwei Jahren (lebenslang) Einzelhaft und zwangsknuddeln. Er braucht nur einen Partner und das ist Zuchtbock Rea, die beiden leben als stabiles Paar erziehen gemeinsam Jungböcke. Mehrere Alttiere überfordern ihn sehr, in der Bockgruppe kam er damals nicht von seiner Weidenbrücke runter und ihm wollte echt keiner was böses. Er gibt keinen Ton von sich, kein Quieken, kein Brommseln, kein Zähnerapseln oder klappern. Er kann einfach nicht kommunizieren. Bei Weibchen reagiert er paradox, ich denke er will brommseln, sie umwerben. Was er aber tatsächlich ausdrückt ist eine massive Drohung, hoch erhobener Kopf und das Wiegen von einem Hinterbein aufs andere nur ohne Zähnekleppern wie es Tiere tun die sich echt nicht abkönnen und sich gleich anspringen.
Da bekommt er von meinen Mädels natürlich auch den Arsch voll und ist dann sichtlich erschrocken und rührt sich garnicht mehr.

Lilly-Fee *05/12
Zooladentier nach zwei Jahren mit einem alten Weibchen. Sie nimmt in der Gruppe eine Randrolle ein, anfangs hat sich Venia noch gut um sie gekümmert aber mittlerweile tüddelt sie lieber für sich allein oder reißt sich ein Baby unter den Nagel bis das ihr eine verpasst. Sie beschnuffel und belutscht gern andere Schweine was die meisten als sehr nervig empfinden und sie energisch wegschicken...ich denke das hat sie bei dem steinalten Partnertier nicht anders gelernt, sie wurde als Baby zu einer 6 jährigen in den Käfig gesteckt. Die verstarb dann mit 8 Jahren und dann war Lilly allein.
Sie tut mir manchmal auch sehr leid weil sie so eine nette ist und nur ein bisschen schnuffeln will aber sie muss auch ein wenig Distanz lernen. Das schöne ist aber das sie bei mir ihren Kümmertrieb ja ab und an an Babys ausleben kann  ;)

Katharina

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    • Das Meerschweinchen Forum
Antwort: Außenseiterschweinchen
« Antwort 2 am: 06. Juni 2015, 17:47 Uhr »
Hallo, Tiefsee und Steffi! :winke:

Das ist für mich leider auch ein Thema und zwar ein sehr schwieriges und komplexes, wie Steffi schon schrieb.

Manche Halter denken möglicherweise auch nur, dass eines ihrer Tierchen von den anderen nicht akzeptiert wird oder eine grundsätzliche Unverträglichkeit der Charaktere besteht, dabei liegt es vielleicht auch an ganz anderen Faktoren, wenn eines der Tiere häufig verjagt und gepiesackt wird:

Die Rangfolge ist vielleicht noch nicht wirklich geklärt, was ebenfalls vielfältige und sehr unterschiedliche Gründe haben kann. Wenn die Gruppensituation durch Krankheit, das Altern oder durch den Tod eines Tieres oder durch die Aufnahme von neuen Tieren instabil ist, gibt es häufig gewisse Verschiebungen innerhalb der Gruppe und manchmal auch massive Konflikte, die ein sehr unterschiedliches Ausmaß annehmen können.

Wenn die Vergesellschaftung von neuen Tieren schief lief, zu früh abgebrochen wurde oder durch den Halter bei Streitigkeiten ständig eingegriffen wurde oder die "unverträglichen" Tiere zeitweise getrennt und dann wieder zusammengesetzt wurden, dann müssen die Tiere immer wieder von neuem ihre Konflikte austragen. Das erhöht den Stress für alle Tiere und es führt möglicherweise auch zu einer "Verhärtung der Fronten". Die Tiere konnten noch nicht erfahren, wie es für sie in der Gruppe ist, wenn sie sich miteinander arrangiert haben. Sie haben vielleicht nur negatives, also große Unsicherheit, den Stress und die Konfliktsituationen erlebt, kennen noch keinen Waffenstillstand, Frieden und Freundschaft. Sie konnten also durch ihre neuen Partner noch nichts positives und angenehmes lernen. Manche Tiere reagieren dann bei erneuter Vergesellschaftung und erneuter Unsicherheit mit vermehrter Aggression, andere mit noch größerer Angst, vielleicht sogar mit Rückzug und Kontaktverweigerung. Es wird dann immer noch schwieriger, gerade bei "Problemschweinchen".

Wenn sich eine Vergesellschaftung sehr schwierig gestaltet und sich sehr lange hinzieht, kann das auch nur an einer zu geringen Gruppengröße oder an einer nicht so optimalen Gruppenzusammensetzung liegen. Oder es liegt schlicht an der Haltung, am Platzangebot oder an der Gestaltung des Geheges. Massive Schwierigkeiten bei der Vergesellschaftung oder monate- oder jahrelang andauernde unharmonische Verhältnisse innerhalb der Gruppe können den Rückzug von einzelnen Tieren durchaus verursachen.

Ich habe den subjektiven Eindruck, dass das Problem von tatsächlichen Außenseitern eher in kleineren Gruppen auftritt. Die von mir vermuteten Gründe dafür, dass ein Meerschweinchen nicht richtig integriert ist, am Rand der Gruppe gerade so geduldet wird oder sogar konstant und sehr massiv von mehreren Gruppenmitgliedern gemobbt wird, decken sich im wesentlichen mit denen, die Steffi aufgezählt hat.

Nach meinen Erfahrungen halte ich den Punkt der Gruppengröße für einen sehr wichtigen, vielleicht sogar den allerwichtigsten Faktor, damit auch schwierige, d.h. verhaltensauffällige, gestörte oder verstörte Tiere nicht in eine Randposition geraten. In größeren Gruppen besteht mehr Auswahl an möglichen Freunden und es können dort auch leichter Zweckgemeinschaften zwischen rangniedrigen Tieren oder potentiellen Außenseitern gebildet werden. Das Problem zum Außenseiter zu werden, betrifft ja oft gar nicht die schwächsten, jüngsten oder rangniedrigen Tiere. In einer eingespielten Gruppe geschieht den rangniedrigen Tieren normalerweise nichts. Sie kennen ihren Platz, alle verhalten sich entsprechend ihrem Status in der Gruppe und das schafft Sicherheit für alle Gruppenmitglieder und hält den Aggressionspegel sehr niedrig.

Schwer kranke und sterbende Tiere ziehen sich oft aus dem Gruppengeschehen ganz zurück. Sie wurden in meinen Gruppen von anderen Tieren entweder liebevoll betreut oder ganz in Frieden gelassen und ignoriert. Obwohl ich keineswegs nur superharmonische Gruppen und einmal auch ein sehr aggressives Tier hatte, kam es in meinen Gruppen noch nie vor, dass ein offenkundig krankes Tier ausgegrenzt wurde. Dominanzgebaren gab es gegenüber schwach oder alt gewordenen Tieren oder kränklichen Tieren, dies trat aber nie gegenüber Außenseitern auf, sondern nur bei voll integrierten Gruppenmitgliedern. Nur ein neu hinzugekommenes Meerschweinchen versetzte einem schwächelndem Außenseiter mal einen einzelnen Knuff. Das habe ich aber auch erst einmal erlebt.

Dass ein Meerschweinchen in der Gruppe zum "Sündenbock" wird, kann an Unverträglichkeiten zwischen einzelnen Tieren liegen. Ich habe eine tatsächliche Unverträglichkeit im Sinne einer unveränderlichen Antipathie bei Meerschweinchen in meinen Gruppen aber noch nicht erlebt und halte das in meinen Gruppen auch nicht für den Auslöser, dass eines der beiden Tiere zum Außenseiter wird. Nach meinen Erfahrungen können Tiere zum Außenseiter werden, die Verhaltensauffälligkeiten oder Charaktereigenschaften zeigen, die "untypisch" für ein Meerschweinchen oder dessen Geschlechts sind und deshalb die anderen Gruppenmitglieder sehr verunsichern. Da spielen also auch die Sozialisation und schlechte Vorerfahrungen der Tiere eine Rolle - und zwar nicht nur die vom Außenseiter, sondern auch die von den anderen Tieren in der Gruppe. Jedes Gruppenmitglied spielt da eine Rolle.

Auch ein häufiger Wechsel von Gruppenmitgliedern bringt Unsicherheit mit sich. Je kleiner die Gruppe ist, umso mehr verursachen der Tod von Tieren oder neu hinzukommende Tiere Probleme und Unsicherheit. Auch ein Wechsel der Gruppe oder des Wohnorts kann massive Verhaltensveränderungen mit sich bringen. Manche Tiere reagieren da sehr sensibel und entwickeln an einem anderen Ort oder mit anderen Partnertieren einen ganz anderen Charakter.

Ich hatte früher Kleingruppen und eine Großgruppe, die sehr harmonisch waren. Ganz zu Beginn hatte ich auch nur Mädels. Das Außenseiterproblem trat in meinen früheren Gruppen nie auf, soweit ich mich daran erinnere. Meine Tiere stammten fast alle aus schlechter Haltung oder aus dem Tierheim, viele waren wohl aus dem Zoohandel oder aus unkontrollierter Vermehrung. Von etlichen Tieren wußte ich gar nichts von der Vorgeschichte. Andere meiner Tiere wuchsen in meiner Gruppe auf, da ich ein paarmal trächtige Weibchen übernommen hatte. Ich gab viele der Jungtiere auch später wieder ab und versorgte auf diese Weise einzeln gehaltene Meerschweinchen, von denen ich wußte, zumindest mit einem Partnertier.

Es gab also damals relativ viel Wechsel in meiner Großgruppe, überwiegend schlecht sozialisierte Tiere mit schlechten Vorerfahrungen und auch Tiere, die gesundheitlich sehr angeschlagen waren. Trotzdem kann ich mich da an keine größeren oder langandauernde Probleme erinnern. Auch die Integration von älteren und alleingehaltenen Tieren gelang immer. Vielleicht war das einfach Glück, ich denke aber, dass es schlicht an der Größe der Gruppe lag. Zeitweise hatte ich bis zu 20 Meerschweinchen, inklusive Babys gerechnet. Die Kerngruppe umfaßte 8 bis 12 Meerschweinchen, alle Altersgruppen waren mehrfach vertreten.

Das Problem mit Außenseitern erlebte ich zum ersten Mal als ich vor ca. 8 Jahren nach ein paar Jahren Pause wieder mit der Meerschweinchenhaltung begann. Und dann war es auch gleich sehr massiv und schlimm. Zeitweise war ich mit meiner Weisheit ganz am Ende und verstand die Welt nicht mehr. Die Probleme in meiner Kleingruppe erschienen mir unlösbar. Heinrich und Clara haben mich manchmal fast zur Verzweiflung gebracht. Ich bin nie so ganz dahinter gekommen, woran oder an wem es lag, dass die Gruppe zeitweise so schwierig und unharmonisch war.

Nun habe ich aber schon so viel geschrieben, ;-) Die Schilderung der Probleme von Clara und Lotte, die beide eine Außenseiterposition in der Gruppe hatten, wenn auch unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und in sehr unterschiedlichem Ausmaß, was das Leid und die Belastung der Tiere betrifft, hebe ich mir für einen späteren Beitrag auf. Das ist alles sehr schwierig für mich und erfordert einen längeren Beitrag. Ich kann das nicht in einer kurzen Zusammenfassung schreiben, weil es längerwährende Prozesse in der Gruppe waren und so viele verschiedene Faktoren eine Rolle gespielt haben können.
Liebe Grüße
Katharina :ms2: